Schöpfung contra Evolution?

ein Aufsatz von Reinhard Pflüger
» Zusammenfassung auf Esperanto / resumo en Esperanto

Viele Christen können entweder nicht daran glauben, was in den ersten Kapiteln der Bibel geschrieben steht - oder nicht daran, was die Wissenschaft behauptet. Denn dazwischen scheint ein grundlegender Widerspruch zu sein. Beide Konsequenzen befriedigen nicht:

Eine Kompromisslinie ist, die theologische Aussage des Schöpfungsberichtes derart zu betonen, dass der biblische Text ansonsten frei interpretiert wird: Gott hat irgendwie dabei Einfluss genommen, als sich das Leben entwickelte. Viele befürchten aber nicht ganz zu Unrecht, dass mit solchen Ansätzen Tür und Tor zu einem zurechtgelegten Privatglauben geöffnet wird.

So ein Kompromiss ist aber gar nicht nötig (wenngleich zweifellos der Text keine naturwissenschaftliche Abhandlung ist und auch nicht sein will). Man muss nur die Bibel richtig lesen!

Karel Claeys behauptet in seinem 1979 erschienenen gleichnamigen Buch:

"Die Bibel bestätigt das Weltbild der Naturwissenschaft."


Leider macht der Autor darin auch viele sehr gewagte Interpretationen, so dass man seine Behauptungen nicht unkritisch übernehmen kann. Seine Grundaussage zum Thema Evolution erscheint mir aber gut dokumentiert, auch nach Prüfung mittels Original-Bibeltext, Wörterbuch, Kommentar und mehreren Übersetzungen.

Ein wesentliches Argument des Autors gründet sich auf Gen 2,4, wo der in den vorausgehenden Versen geschilderte Vorgang als "toledot" bezeichnet wird. Das Wort wird an dieser Stelle gewöhnlich mit "Entstehungsgeschichte" übersetzt, bedeutet wörtlich aber Zeugungen und wird an den übrigen 37 Stellen, an denen es in der Bibel vorkommt, ausschließlich für Geschlechtsregister benutzt. Dies ist ein deutliches Indiz dafür, dass hier primär eine Abstammungsfolge beschrieben wird.

Gestützt wird die These von einem genau passenden Gebrauch zweier verschiedener Wörter für die Schöpfungshandlung, die auch in den deutschen Übersetzungen unterschieden werden. "bara" (schaffen) bezeichnet ausschließlich ein Handeln Gottes, während "asah" (machen, zubereiten) auch menschliches Handeln bezeichnen kann. "bara" wird verwendet, wenn etwas grundlegend Neues aus dem Nichts geschaffen wird. Das ist in unserem Text (abgesehen von der Erschaffung des Lebens in Gen 1,11, wo eine ganz andere Formulierung verwendet wird):

Was den Gebrauch von "asah" anbelangt, so ist es zum Teil naheliegend, dass vorhandene Materie geformt oder zum Vorschein gebracht wird (z.B. Gen 1,16: Das Licht ist schon vorhanden, aber die Sonne war zuvor noch nicht sichtbar). Dass aber auch Tierarten "zubereitet" werden (Gen 1,25), kann man nur entweder mit dem Kommentator der "Neuen Echter Bibel" als "unmotivierten Wechsel" bezeichnen - oder die Parallele zu Psalm 139,15 sehen und von einer Erschaffung unter Verwendung des vorhandenen Fortpflanzungsmechanismus ausgehen. Markant ist der Wechsel im Wortgebrauch bei der Erschaffung des Menschen (Vers 26 gegenüber Vers 27). Zoologisch ist der Mensch ein Tier (siehe auch Prediger 3,19), wurde von Gott aber mit zusätzlichen Eigenschaften ausgestattet.

Zentraler Einwand ist die Schilderung der Schöpfung als ein siebentägiger Ablauf, der bei wörtlichem Verständnis viel zu wenig Zeit für einen Evolutionsprozess lässt. Auch der manchmal zitierte Satz "Tausend Jahre sind vor dir wie ein Tag" (Psalm 90,4) passt nicht recht und wird deshalb von Claeys auch nicht bemüht. Auf den ersten Blick eklatant erscheint die Feststellung, das in Gen 2,4b der ganze Schöpfungszeitraum (oder zumindest ein größerer Teil davon) als "Tag" bezeichnet wird. Im Wörterbuch findet man den dort verwendeten Ausdruck allerdings als feste Wendung, die in vielen Bibelübersetzungen zutreffend mit "zu der Zeit, als" wiedergegeben wird. Die Existenz dieser Wendung ist aber ebenso ein Indiz wie eine Reihe anderer Verwendungen des Wortes "jom" (Tag), die ebenfalls relativ unspezifisch einen Zeitraum bezeichnen. Claeys nennt hier: Tag des Herrn, Tag des Zorns sowie "Tage" im Sinne von "einige Zeit" (z.B. Ri 11,4, Num 9, 22) oder von "Jahr" (z.B. Ex 13,10). Im Wörterbuch habe ich außerdem gefunden: "zwei Monate Tage" im Sinn von "eine Zeit von zwei Monaten". Ein übertragener Gebrauch von "Tag" für "Zeitraum" ist also in vielfältigen Varianten zu beobachten und somit auch an dieser Stelle plausibel. Dafür, dass diese Interpretation die richtige ist, führt der Autor außer dem oben dargelegten Evolutionsprozess noch eine Reihe von Indizien an, von denen ich die am besten begründeten nachstehend wiedergebe.

Unter der Annahme, dass in Gen 1,9 angeführte und in Psalm 104,6ff. näher geschilderte Auffaltung von Gebirgen innerhalb eines einzigen Tages stattgefunden habe, muss dies unvorstellbare Flutwellen, Stürme, Erdbeben und Magmaströme auslösen. Dies kann kaum dazu führen, dass bereits am nächsten Tag geeignete klimatische Bedingungen für vielfältiges pflanzliches Leben gegeben sind.

In Gen 1,11 heißt es: "Die Erde lasse Gras hervorsprossen, ... Fruchtbäume, die Früchte tragen, ... . Und es geschah so." Hier ist also ein kompletter Wachstumsprozess von Bäumen bis zur Ausbildung von Früchten beschrieben. Dass die folgenden Sätze mit "und" angeschlossen sind, bezeichnet nach hebräischem Sprachgebrauch einen zeitlichen Zusammenhang *. Der "Tag" endet also erst, nachdem alle geschaffenen Pflanzen gediehen sind. Auch wenn man nur eine einzige Generation annimmt, dauert dies mehrere Jahre.
* So behauptet es jedenfalls Claeys. Offensichtlich ist dies nicht die einzig denkbare Interpretation. Dies wird daran erkennbar, dass regelmäßig erst nach dem "Und es geschah so" das Geschehen beschrieben wird und auch dieses mit "und" angeschlossen ist, hier anscheinend im Sinn von "und nämlich in der Weise, dass". Leider steht mir momentan kein Wörterbuch zur Verfügung. Wenn das "und", das den nächsten Tag einleitet, nicht inhaltsleer sein soll, muss man aber wohl Claeys' Deutung folgen. Ansonsten weisen 1,31, 2,1 und 2,2 auf die Fertigstellung hin, so dass spätestens am sechsten oder siebten Tag die Pflanzen vollendet gewachsen sein müssen.

Mit derselben Begründung endet gemäß Vers 31 der sechste "Tag" erst, nachdem die Segensverheißung an den Menschen erfüllt ist, d.h. die Menschen sich bereits über die Erde verbreitet haben.

Bleibt noch der Einwand, dass die Tage durch "Morgen" ("boqär") und "Abend" ("`äräb") begrenzt werden. Hieraus könnte man schließen, dass es sich doch um Tage im wörtlichen Sinn handeln müsse. Die Grundbedeutungen dieser Wörter sind jedoch "Durchbruch" bzw. "Eingehen", was dann auf das Aufgehen bzw. Untergehen der Sonne bezogen wurde. Zwar wurde zumindest das Wort "`äräb" normalerweise nicht mehr im ursprünglichen Sinn gebraucht. Für eine Verwendung von "boqär" im Sinn von "Anbruchzeit" führt Claeys einige Bibelstellen an, die aber auch eine andere Interpretation zulassen (am deutlichsten ist noch Psalm 90,14). Auf jeden Fall ist aber der Ursprung der Wörter noch erkennbar, so dass eine derartige Verwendung im Kontext von als "Tag" bezeichneten Zeitabschnitten naheliegend ist. Zu beachten ist auch, dass nur von Abend und Morgen, nie aber von der Nacht die Rede ist - außer in Gen 1,5, dort aber in falscher Reihenfolge: Es schließt sich kein Morgen, sondern ein Abend an.

Auch der siebte Tag, der Ruhetag, muss nicht ein einzelner Kalendertag sein. Claeys geht hierauf zwar nicht ein; aber meines Erachtens ist ein Widerspruch nur dann zu erkennen, wenn man von der Vorstellung ausgeht, die Feier des Sabbats nehme nicht nur inhaltlich auf den Schöpfungszyklus Bezug, sondern sei eine exakte kalendarische Fortsetzung. Hiervon dürfte kaum ein Christ überzeugt sein - denn unter dieser Annahme wäre es wohl nicht zu rechtfertigen, den Rhythmus einfach einen Tag zu verschieben und den Sonntag zum Ruhetag zu machen.

Ein scheinbarer Widerspruch zu den Aussagen der Naturwissenschaft ist die Erwähnung von Vögeln in Gen 1,20f. noch vor der Erschaffung der Landtiere. Mit dem verwendeten Wort werden aber alle fliegenden Lebewesen bezeichnet (Luthers Übersetzung mit "gefiederte Vögel" ist falsch). Insbesondere gehören hierzu auch die Insekten. Dies bestätigt auch die "Neue Echter Bibel" und verweist als Beleg auf die Speisegesetze (Lev 11,13ff. und Deut 14,11ff.).

Der zweite Schöpfungsbericht

In die obige Betrachtung noch nicht einbezogen ist der in Kap. 2,4b beginnende zweite Schöpfungsbericht, der so wenig zum ersten zu passen scheint. Wahrscheinlich ist Claeys' Interpretation überzogen, dieser Text wolle gar keine Neuerschaffung schildern, sondern die erstmalige Besiedlung und Kultivierung eines bestimmten Gebietes. Meines Erachtens ist es ziemlich deutlich ein Bericht über die Erschaffung der Welt, speziell des Menschen (was ja auch die vorherrschende Ansicht ist). Auf jeden Fall geht der Autor von Kapitel 5 davon aus, dass Adam (und zwar nicht irgendein "adam" = Mensch, sondern der Vater des Set) der erste Mann war.

Es mag aber sein, dass der geschichtliche Hintergrund sehr wohl eine Besiedlung war und der Autor über die davor liegende Zeit nichts wusste. Eine solche Lücke tut der Heiligkeit der Bibel überhaupt keinen Abbruch, denn sie sagt selbst: "Unser Wissen ist Stückwerk" (1. Kor. 13,9). Oder der Verfasser hat diesen Zeitraum sogar bewusst zusammengezogen, weil er für ihn nicht von Belang war.

Eindeutig ist jedenfalls, dass der Bericht aus der Perspektive des Menschen, und zwar speziell des Menschen im Garten Eden geschrieben ist. Und es ist denkbar, dass die scheinbar verkehrte Schöpfungsreihenfolge speziell für diesen Landstrich eben doch zutrifft.

Beachtenswert sind in diesem Zusammenhang Claeys' Hinweise, dass auch ein Tier oder Mensch, der aus einer gewöhnlichen Geburt hervorgeht, von Gott gemacht ist; und dass wir alle in einem gewissen Sinne aus der Erde stammen, nämlich aus dem bestehen (direkt oder indirekt), was hieraus gewachsen ist.

Noch Fragen oder Anmerkungen?

Bitte an butenplatt [at] gmx [Punkt] de (die Wörter in [] bedeuten @ und . , das schreibe ich aber dort nicht hin, damit nicht so leicht Spam hineinkommt).



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